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Migros Magazin mein Stolz  Nr. 46, 15. November 2005
«Es macht mich glücklich, etwas Zerbrochenes so zu reparieren, dass der Besitzer oder die Besitzerin wieder Freude daran hat.»
Der Porzellandoktor
Rolf Neff ist «Chefarzt» in der Winterthurer Porzellan-Klinik. Wie ein richtiger Chirurg ist auch er stolz, wenn er bei einem komplizierten Eingriff erfolgreich war.
Die chinesische Vase galt als hoffnungsloser Fall. Die Besitzerin, eine Frau aus Frick AG, hatte sie fallen lassen, und beim Aufprall auf den Boden zersplitterte das kostbare Stück in hunderte von kleinen und kleinsten Scherben. Als die Vase notfallmässig per Post in die Porzellan-Klinik in Winterthur eingeliefert wurde, kam sie auf die Station von «Professor» Neff.

Der 49-jährige Rolf Neff ist seit langem als Unfallchirurg der besonderen Art tätig. Früher operierte der gelernte Radioelektriker Fälle wie stumme Lautsprecher oder blinde Bildschirme, doch seit gut einem Jahr sind seine Patienten aus Ala-baster, Kristall oder Porzellan und leiden an zumeist komplizierten Brüchen.

Alles begann mit etwas Glück
«Eigentlich kam ich über eine Zeitungsanzeige zu meinem neuen Job», sagt Neff und lacht über das Bild vom wandelbaren Operateur. «In diesem Inserat las ich, dass Fritz Rutschmann, ein 60-jähriger ehemaliger Zahntechniker, jemanden suchte, der ihm bei den Arbeiten in seiner Reparatur- und Restaurationswerkstätte zur Hand ging.» Neff meldete sich und bekam die Chance, sozusagen als Assistenzarzt in der Porzellan-Klinik anzufangen.

Inzwischen hat der gebürtige Zürcher die Notfallstation der aussergewöhnlichen Art im Zentrum von Winterthur übernommen, und die defekten Objekte, meist Opfer von Haushaltsunfällen, kommen aus der ganzen Schweiz. «Da ist die profane Kaffeetasse mit kaputtem Henkel genauso dabei wie der filigran gearbeitete Hirsch mit den versehentlich amputierten Hörnern», sagt der Retter der Raritäten. Für die Kosten kommt aber keine Krankenkasse auf, sondern in der Regel der Verursacher. Je nach Schwere des Falls berechnet Professor Neff ein Honorar zwischen 80 und 1000 Franken.

In der Porzellan-Klinik hantiert das Personal mit Schleifmaschine, Farbpinsel und Restaurationsmasse. Der Linkshänder Neff fügt Bruchstellen so raffiniert zusammen und fertigt neue Dekorpartien so originalgetreu, dass niemand mehr die Reparaturstelle erkennen kann. Er malt, lasiert, lackiert, er rennt und brennt.

Alles erhält eine Behandlung
Wie in der Medizin brauchen auch beim Porzellandoktor ein komplizierter Eingriff und die Nachbehandlung ihre Zeit. «Unter vierzehn Tagen geht gar nichts», sagt Rolf Neff. «Bei einem Porzellanteil dauert nur schon die Phase im Brennofen mindestens drei Tage, inklusive Abkühlung.»

Und wie ein richtiger Arzt ist auch der Porzellandoktor stolz auf erfolgreiche Eingriffe. «Es macht mich glücklich, wenn ich etwas Zerbrochenes so reparieren kann, dass der Besitzer oder die Besitzerin wieder Freude daran hat», sagt Neff. Dann ruft er kurz seine Lebenspartnerin Renate Joder an, um ihr mitzuteilen, dass es «heute etwas später» wird, und macht sich daran, das nächste zerbrochene Kunstwerk zu untersuchen.

Text Antoinette Rettus
Bilder Mavin Zilm



Mehr Infos im Internet unter www.porzellan-klinik.ch oder über Telefon 052 - 212 03 63.

Patent:

Patent: Porzellandoktor Rolf Neff untersucht eine defekte Porzellanfigur. Der Check-up ist wichtig für die Diagnose.

Prima:

Prima: Wenn Erinnerungen bröckeln, kann der «Doc» helfen.

Perfekt:

Perfekt: Auch im «Labor» ist Neff bestens eingerichtet.

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