Ein Onkel Doktor
fürs Porzellan
Scherben
bringen Glück, hoffen Fritz und Heidi Rutschmann. Sie haben in
Winterthur die erste Porzellan-Klinik der Schweiz eröffnet.
Von Andreas
Mösli
"Wer einen Narren
lehret, der flicket Scherben zusammen." Was Jesus Sirach in der Bibel
beschreibt, heisst im Volksmund kurz "Scherben flicken" und bedeutet
soviel wie eine nutzlose Arbeit verrichten. Für Fritz
Rutschmann stimmt das ganz und gar nicht: Scherben flicken ist seit
kurzem sein Beruf. Zusammen mit seiner Frau Heidi hat er in Winterthur
an der Technikumstrasse die erste Porzellan-Klinik der Schweiz
eröffnet.
Ob Omas Meissener
Porzellan, ein wertvoller chinesischer Teekrug oder eine nostalgische
Leninbüste aus DDR-Zeiten - Rutschmann kittet und brennt alles
wieder gebrauchsfertig zusammen. Mit Garantie, wie der gelernte
Zahntechniker betont. Das Krankenhaus der speziellen Art
kümmert sich aber nicht nur um "Patienten" aus Porzellan:
Repariert werden auch Gegenstände aus Glas, Keramik, Steingut,
Marmor, Kristall, Bernstein, Fayence, Perlmutt und Alabaster.
Teufel steckt im
Detail
Und so
funktioniert's: Die Scherben werden mit einer speziellen Glasur wieder
zusammengesetzt und in einem ebenso speziellen Ofen drei Tage lang bei
etwa 1000 Grad gebrannt. Danach werden mit einer Restaurationsmasse
Splitter oder fehlende Teile ersetzt, die Grundierung wird neu
gespritzt und, falls nötig, das Dekor wieder originalgetreu
gemalt. Zum Abschluss kommt der "Patient" nochmals in den Ofen.
Das klingt vom
Prinzip her einfach. Der Teufel steckt aber auch hier in den Details,
will heissen in der genauen Temperaturkurve und der Zusammensetzung der
Restaurationsmaterialien - Geheimnisse, die seit 50 Jahren von einem
Familienbetrieb in Bremen bestens gehütet werden. Auch Fritz
Rutschmann kennt sie nicht. Als Lizenznehmer bekommt er das fertige
Material angeliefert. Den Brennofen kann der Porzellan-Doktor ebenfalls
nicht beeinflussen. Er muss nur auf den richtigen Knopf
drücken, der Rest wird von einem computergesteuerten Programm
überwacht.
Ruhige Hand und
gute Nerven
für seine
Arbeit braucht Rutschmann allerdings eine ruhige Hand, gute Nerven und
viel Geduld. Denn wenn die Gegenstände im Ofen nicht
sorgfältig eingebettet werden und die Scherben beim Brennen
nicht genau aufeinander liegen, können auch die
raffiniertesten
Mixturen und der beste Ofen nicht mehr helfen: Die gebrannten
Nahtstellen sind ähnlich wie verheilte Knochenbrüche
oder Schweissstellen stabiler als das eigentliche Material.
Von der
Porzellan-Klinik erfuhren die Rutschmanns aus den Medien. Nach einem
Besuch im Stammhaus in Bremen war ihnen klar: "Das währe was
für uns." Gesagt, getan: Sie liessen sich in Deutschland
schulen, führten in der Schweiz Marktabklärungen
durch, schlossen einen Lizenzvertrag mit der Option für
weitere Filialen ab und lösten das alte Geschäft von
Fritz Rutschmann auf.
Ermutigende
Marktabklärungen
Doch weshalb
hängt ein selbständiger Zahntechniker seinen
lukrativen Beruf an den Nagel und lässt sich mit 52 Jahren
nochmals auf ein berufliches Abenteuer ein? "Was für mich
zählt, ist die Lebensqualität - auch bei der Arbeit",
sagt Rutschmann. Als Zahntechniker habe er enorm unter Druck gestanden,
profitiert hätten jedoch vor allem die Zahnärzte, die
zwischen ihm und den Patienten standen. Zudem habe er den Kontakt zur
Kundschaft vermisst. "Wenn ich heute gute Arbeit abliefere, sehe ich
wenigstens zufriedene Kunden."
Ob die Kundschaft
tatsächlich vorhanden ist, wird sich zeigen. Der erste
schweizerische Porzellan-Doktor ist davon jedenfalls
überzeugt. Die Umfragen in Porzellanläden und bei
Antiquitätenhändlern hätten ein gutes Echo
ausgelöst. Schliesslich sei auch der Geschäftsverlauf
der deutschen Lizenzfilialen ermutigend. Das Repertoire reiche von
billigen Comicfiguren, die für ein Vielfaches ihres
materiellen Wertes geflickt werden müssen, bis zur 350 000
Dollar teuren Vase aus Übersee. "Wenn wir nur halb soviel
Umsatz machen, bin ich schon zufrieden."
Was sich Fritz
Rutschmann wohl fürs neue Jahr wünscht? Dass Scherben
Glück bringen, möglichst viele Elefanten in
Porzellan-Läden ungeschickt herumtrampeln und die
Porzellan-Klinik keinen finanziellen Scherbenhaufen verursacht?
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